Super Mario Galaxy Test

Das Warten ist vorbei: Mit Super Mario Galaxy öffnet Nintendo nun endlich das Tor zur heiß herbeigesehnten neuen Episode des Klempner-Universums. Dabei tritt der jüngste Mario-Spross ein beispielloses Erbe an: Gleich der Serieneinstieg, Super Mario Bros., löste eine tief greifende Revolution aus und begründete das moderne 2D-Jump’n’Run. Bis hin zu Super Mario World 2 schaffte das Mario-Team das Wunder und übertraf sich mit jeder Fortsetzung aufs Neue, bevor Super Mario 64 abermals das Plattform-Genre und unsere heiß geliebte Branche für immer veränderte. Marios erster 3D-Ausflug gilt für nicht wenige Spieler noch immer als das Maß aller Dinge, wenn es um dreidimensionale Plattform-Action geht, auch wenn Rares Banjo-Kazooie kräftig am Thron rütteln durfte. Zum Teil, da sich das Genre nach und nach von seinen Wurzeln entfernte und vermehrt Action-Adventure-Elemente Zugang fanden, zum Teil aber auch, da es Nintendo mit dem unfertigen Super Mario Sunshine selbst nicht gelang, den Vorgänger den Schneid abzukaufen. Nachdem wir letztes Jahr Zeuge von Marios Rückkehr in alte 2D-Gefilde (New Super Mario Bros.) geworden sind, liegen alle Hoffnungen nun auf Super Mario Galaxy, dessen Grundkonzept schon seit den Planungstagen des GameCubes in den Köpfen der Designer bei Nintendo herumgeisterte und das den übermächtigen Urvater aller 3D-Jumper nach elf langen Jahren endlich deutlich entthronen soll. Ohne zuviel zu verraten: Das Team um EAD Tokyo setzt alle Maßstäbe neu.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf
Nach dem Starten des Spiels beginnt dieses wie ein guter Mafia-Film: Mit einem rauschenden Fest und einer sich abzeichnenden Katastrophe, aber alles der Reihe nach… Wie bekannt sein dürfte, besitzen Sterne einen ungemein hohen Stellenwert im Pilzkönigreich und werden von den Bewohnern dementsprechend verehrt. Ein besonderes Ereignis ist dabei das Sternenstaubfest, das nur alle 100 Jahre stattfindet. Nur an diesem Abend zieht ein Komet am Nachthimmel des Königreiches vorbei und gleichzeitig regnet der wertvolle und wunderschöne Sternenstaub gleich eimerweise auf die Welt nieder, weswegen das Königshaus um Prinzessin Peach ein großes Fest steigen lässt.
Zu diesem offiziellen Empfang ist auch Mario eingeladen, weswegen er sich, wie es sich gehört mit einer persönlichen Einladung der Prinzessin ausgestattet, voller Freude gen Schloss aufmacht. Bereits bei der Ankunft an der Schlossstraße dürft ihr die Kontrolle über Mario übernehmen und euch einen Weg durch vergnügte und äußerst aufgedrehte Toads bahnen, die allerorts durch die Gegend wuseln und schon fleißig mit dem Aufsammeln des Sternenstaubes beschäftigt sind. Doch kaum ist das Schloss mehr als wenige Schritte entfernt, dröhnt Maschinenlärm durch die abendliche Feierstimmung. Bowser hat die Festtageslaune für sich genutzt und greift mit einer ganzen Armada an Flugschiffen an. Das Chaos ist perfekt und noch ehe jemand etwas unternehmen kann, entführt der Koopa-König die Prinzessin mitsamt Schloss und nimmt sie mit in den Orbit. Zwar kann sich Mario kurz vor dem Abheben auf das entschwebende Plateau begeben, aber ein Magikoopa schleudert unseren Bartträger via Zauberspruch kurzerhand in den Weltenraum hinaus. Nur noch die Hilferufe der Prinzessin hallen in euren Ohren wider…

screen_super-mario-galaxy_08Und die Welt wird rund
Als Mario die Augen wieder öffnet, findet er sich auf einem winzigen, mit saftigem Gras überwachsenden Planeten wieder, der friedlich im All schwebt. Ein Hase meldet sich zu Wort und verspricht unserem Helden die Herausgabe von weiteren Informationen, sobald ihr ihn und seine Brüder fangen konntet. Geschickt führt das Spiel so Anfänger an die Steuerung heran, die erneut so zugänglich wie nur möglich gestaltet wurde. Wie in SM 64 und SMS bewegt ihr Mario mit dem Analogstick in die gewünschte Richtung. Sprünge werden mit dem A-Button ausgelöst. Lasst ihr Mario laufen und hüpft dreimal im richtigen Rhythmus, vollführt der Klempner seinen berühmten Dreiersprung, womit höher gelegene Ebenen leichter zu erreichen sind. Auch der Rückwärtssalto, der Seitwärtssalto, der (viel leichter auszuführende) Wandsprung, die Stampfattacke und der in SMS abstinente Weitsprung lassen sich alle mit der Kombination aus Analogstick und Action-Buttons und schon nach kurzer Spielzeit kinderleicht ausführen.
Wie gehabt kann kein Jumper mit der Genauigkeit und dem Feeling der Mario-Steuerung mithalten. Die immer noch referenzwürdige Vermittlung des Gewichtes der Spielfigur und der nie eintretende Eindruck des Kontrollverlustes tragen ihren Teil zu diesem Status bei. Dabei lassen es die vielen Moves zu, dass der Spieler innerhalb seiner Spielzeit immer Experimentierfreudiger wird und zunehmend waghalsigere Manöver eingeht. Erfahrene Spieler stürzen sich gleich in die Eingangs beschriebene Hasenjagd, allerdings werden auch diese sich nach den ersten Schritten, sprich spätestens wenn Mario beginnt in steiler Lage über den kleinen Planeten zu rennen, umgewöhnen müssen. Die ersten Meter über die Planetenoberfläche fühlen sich so neu und völlig anders zu allem an, was man bisher aus 3D-Jump’n’Runs kannte. Wenn ein Spiel zumindest in Teilen an das (nicht wiederholbare) Gefühl der ersten Schritte mit Super Mario 64 heranreicht, dann ist es sicherlich dieses Spiel. Dabei lässt dieser erste simple Planet nicht einmal im Ansatz erkennen, welche designtechnischen Wunder sich noch auf der Disc befinden. Hier seid ihr noch von Gefahrenherden wie den schwarzen Löchern gefeilt, die quasi die Rolle der bodenlosen Abgründe aus vergangenen Marios übernommen haben. Denn nicht alle Planeten besitzen eine solche Anziehungskraft, dass ihr nach einem Sprung über die sichtbare Hälfte sicher auf der Unterseite landet. Ist dieses Missgeschick passiert, wird Mario in ein schwarzes Loch gesaugt und ein Leben ist futsch. Durch geschickte Kamera-Arbeit ist zum Glück immer ersichtlich, ob ihr die Unterseite eines Planeten ohne Gefahr erkunden könnt. Erst nachdem ihr die Möhrenliebhaber einfangen konntet, bekommt der Spieler Klarheit über die Lage der Dinge. Eine Frau namens Rosalina stellt sich als die Wächterin der Sterne vor, die zusammen mit ihrem Sternenvolk, den Lumas, das Universum mit ihrem Sternenschiff bereist. Wie alle 100 Jahre kam sie an Marios Heimatplanet vorbei, doch diesmal wurde sie von Bowser und seinen Gehilfen überfallen und der wertvollen Power-Sterne beraubt, ohne die das Schiff nun stillsteht. Da sich Bowser aber bis zum Zentrum des Universums bewegen konnte, ist die Energie von ganzen 60 Power-Sternen nötig, um dem Krötenkönig bis dorthin zu folgen. Mario bleibt nur eine Möglichkeit: Er muss die Sterne zum Sternenschiff zurück bringen, in dem er die verschiedensten Galaxien und deren Planeten bereist und die dort verteilten Power-Sterne findet.

Kleine Sternenkunde
Die hinter Marios neuster Mission stehende Struktur basiert im Grunde noch immer auf den von Super Mario 64 eingeführten Grundmustern, stellt sich aber bei genauerem Hinsehen als etwas komplexer heraus. Das Sternenschiff der betörenden Rosalina dient euch als übersichtliche und frei begehbare Oberwelt. Im Vergleich zum aus SM 64 bekannten Schloss der Prinzessin und Isla Delfino (SMS) erfüllt die wesentlich kompaktere Oberwelt in Super Mario Galaxy in erster Linie ihren Zweck. Sechs große Galaxien, deren Zugänge sich in den Zimmern der Raumstation, wie der gemütlichen Küche oder des Schlafzimmers, befinden, wurden auf die Disc gebannt. Sie stellen die Portale zu den kleineren Galaxien dar, die quasi die Levels des Spiels repräsentieren. Eine jede große Galaxie beherbergt stets fünf Galaxien (Levels): In der Regel sind das zwei umfangreichere Galaxien, die jeweils mindestens drei Power-Sterne beherbergen und drei kleinere Galaxien mit jeweils einem versteckten Power-Stern. Mit einer dieser drei kleineren Galaxien hat es eine besondere Bewandtnis auf sich, da am Ende des Levels entweder ein von Bowser Junior beauftragter Endgegner zum Tänzchen bittet oder sogar die Oberkröte himself in den Ring steigt. Als Belohnung bekommt der Spieler nach dem Kampf einen großen Stern überreicht. Nur dieser große Stern öffnet überhaupt erst den Zugang zum nächsten Raum (also der nächsten großen Galaxie). Dabei solltet ihr aber wissen, dass euch selbst dann nicht alle Levels einer großen Galaxie zum Besuch offen stehen, solange ihr nicht eine jeweilige Mindestanzahl an Power-Sternen erreicht habt um die Galaxien zu erreichen. Aber keine Angst, schon nach kürzester Zeit stehen euch viele der insgesamt 42 Galaxien offen und ihr habt bis zum Ende des Spiels immer die Wahl zwischen mehreren Levels. Im Gegenteil, mit der Zeit werdet ihr merken, dass sich in den größeren Levels gar bis zu sieben Power-Sterne verstecken können, was dazu führt, dass selbst die ersten Galaxien des Spiels erst relativ spät komplettiert werden.

screen_super-mario-galaxy_06Die Dinge in der Hand
Die wichtigsten Details sind geklärt, dann könnte es doch endlich losgehen mit unserem Weltraumausflug. Aber noch bevor sich Mario in die erste Galaxie katapultieren darf, erhält er von Rosalina ein Sternenkind mit auf den langen und gefahrvollen Weg. Es sorgt dafür, dass Mario nun eine Drehattacke ausführen kann, wozu ihr lediglich kurz die Wiimote oder auf Wunsch auch den Nunchuk in der Hand schütteln müsst. Die Drehattacke hilft bei der Gegnerbekämpfung, sollten Kopfsprünge nicht weiterhelfen und lässt Anfängern, vergleichbar mit der Strampelaktion Yoshis aus Super Mario World 2, eine Chance, sollte sie mal daneben gesprungen haben. Außerdem lassen sich durch ihre Hilfe die Sternenportale benutzen, die euch nur einen Augenblick später spektakulär durch den Kosmos schleudern. Eine weitere neue Funktion und Nutznießer der Wiimote ist der Sternenpointer mit dem ihr Sternenstaub verschießen könnt. Für diese Aktion muss der Spieler lediglich mit der Wiimote auf einen Bereich des Screens zeigen und mit der Betätigung der B-Taste fliegt auch schon der Sternenstaub auf den gewünschten Zielpunkt. Geht euch der Sternenstaub aus, findet ihr in der näheren oder weiteren Umgebung schnell Nachschub. Diesen kann der Spieler entweder durch direkten Körperkontakt mit Mario oder aber durch Hinüberstreifen des Pointers einsammeln. Ehe ihr es bemerken werdet, sucht ihr die Umgebung ganz automatisch nach Sternensplittern ab, auch wenn Mario gerade in brenzligen Geschicklichkeitspassagen schwitzen muss. Die komplette Steuerung ist wunderbar intuitiv gestaltet worden und das Einsammeln der Sternensplitter fühlt sich einfach „gut“ an. Mehr noch, lässt es den Spieler durch eine weitere Ebene der Interaktion noch weiter mit der Spielwelt verschmelzen.

Ein Glanzstück des Spiels ist aber zweifellos die Kamera, denn bedingt durch das Sphären- und fast immer nach vorwärts gewandte Leveldesign des Titels, gab es bisher noch kein Spiel des Genres, indem sich der Spieler weniger Gedanken um die Wahl des Blickwinkels machen mussten. Brav folgt sie Mario und gibt fast immer einen tadellosen Blick auf die Szenerie. Die größten Schwächen zeigt die Kamera in größeren Levels und Unterwasserabschnitten. Hier ist eine Nachjustierung via Druck auf den C-Button oder Verschiebung der Kamera mit dem Steuerkreuz der Wiimote ab und zu notwendig. An manchen Stellen verweigert die Kamera allerdings eine Nachjustierung. Dankenswerterweise stellen diese Momente die absolute Ausnahme dar.

A Space Odyssey
War Super Mario 64 wie ein riesiger frei begehbarer Vergnügungspark aufgebaut, die Attraktionen in den Gemälden verborgen, so besinnt sich Super Mario Galaxy stärker als seine beiden 3D-Vorgänger wieder auf die Wurzeln der Super Mario Reihe und stellt sich als genialste Erlebnistour der Spielegeschichte heraus. Die Missionen der einzelnen Galaxien sind im Grunde nur ein Vorwand, um euch über die atemberaubenden Konstruktionen zu locken, die sich die Mario-Tüftler erdachten. Das ist deutlich linearer als SM 64 und SMS, aber auch ungleich abwechslungsreicher für den Spieler und bietet fast immer Jump’n’Run in seiner reinsten Form. Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass SMG der erste wirkliche 3D-Plattformer geworden ist, denn spätestens jetzt sieht auch der Laie den hohen Action-Adventure-Anteil der beiden anderen dreidimensionalen Marios. In der Regel durchschreitet der Spieler in jeder Mission einen neuen Teil des Levels, wodurch schon eine Galaxie abwechslungsreicher daher kommen kann, als mehrere Levels der Genrekonkurrenz zusammengenommen. Aus vielfältigen Gründen fallen die lineareren Levels nicht ins Gewicht: Zum einen bestehen viele Galaxien nicht, wie vielleicht erwartet wurde, aus im Universum dahinschwebenden Konstruktionen, sondern es existieren durchaus Planeten mit ansehnlicher Größe. Zum anderen wird der fleißige Spieler fast schon erschlagen von den vielen zur Auswahl stehenden Galaxien. Und gerade wenn eine Galaxie komplettiert wurde, taucht plötzlich ein Luma auf der Oberwelt auf und möchte mit Sternenstaub gefüttert werden, woraufhin sich dieser in eine gänzlich neue Galaxie verwandelt. Zu guter Letzt verbirgt sich hinter jeder Galaxie mit mindestens drei Sternen auch ein versteckter Stern, der erst einmal gefunden werden muss. Von den unzähligen Bonusräumen und sonstigen Serien-typischen Geheimnissen gar nicht erst zu sprechen.

screen_super-mario-galaxy_02

Das Rückrat des Spiels, der Grund für die Begeisterungsstürme, ist jedoch das meisterliche Leveldesign. Super Mario Galaxy lässt den Eindruck erwecken, als habe Nintendo, als Konsequenz über die Enttäuschung mit Sunshine, über all die Jahre ihre besten Einfälle gesammelt und sie alle in ein einziges Werk gepackt. Anders lässt sich diese Orgie an Raffinesse und Einfallsreichtum rational (fast) nicht mehr erklären. Lasst euch von automatisch fahrenden Plattformen durch ein Gebiet voll schießwütiger Kanonen manövrieren und nutzt, der Schwerkraft sei Dank, auch ruhig die Unterseite der Plattform, falls es oben zu heiß hergeht. Flitzt über die Wolkendecke und gigantischen Planeten in Obstform hinweg, während ein verfressener Wurm euch den Weg zwischen den Köstlichkeiten bahnt. Klettert durch das Netz einer Riesespinne, saust durch ein Kinderzimmer, lasst euch von aus SMS bekannten Entenwesen auf andere Planeten schleudern, von Blubberblasen durchs All und von einem Rochen durch ein frei in der Luft schwebendes Meer tragen. Im Grunde ist es unmöglich, die nächste Levelwindung vorher zu ahnen. Das Galaxien-Thema entband die Designer von allen Konventionen, dennoch werden auch bekannte Themen wie Eis-, Lava-, Unterwasser- und Wüstenlevel angestimmt. Ein heimliches Highlight sind aber auch die in der klassischen 2D-Perspektive gezeigten Retro-Abschnitte. Gerade dort spielt Nintendo die Gravitationskarte meisterlich aus und lässt Mario in alle Himmelsrichtungen über den Screen wuseln und springen. Pfeile und die Farben des Hintergrundes geben hier zur besseren Orientierung die im Moment wirkende Gravitationsrichtung an, fordern aber dennoch kurzes Nach- und Umdenken, wenn Mario nicht aus dem Bild und in ein schwarzes Loch geschleudert werden soll. Dass sich selbst diese auf den ersten Blick so klassisch anmutenden Abschnitte so frisch spielen, ist nur ein weiterer Beleg für die Qualitäten des Titels.

Des Klempners neue Kleider
Ältere Semester werden mit Freude zur Kenntnis nehmen, dass Super Mario Galaxy durchaus dem Anspruch gerecht wird, als 3D-Gegenstück zu Super Mario Bros. 3 tituliert zu werden. Dazu tragen nicht nur Details wie das Wiederauftauchen von bekannten Charakteren und Objekten bei, sondern auch die Rückkehr der Verkleidungen. Schon in der zweiten Galaxie werdet ihr Freundschaft mit einer neuen Sorte von Pilz schließen. Dieser verwandelt Mario kurzerhand in Bienen-Mario. Das ist kein Abklatsch von Marios Waschbärenverkleidung, auch wenn ihr als Biene ebenfalls fliegen könnt. Des Klempners Vorliebe für Lasagne und Ravioli lässt die Flugzeit jedoch recht knapp ausfallen und Mario muss erst einmal für einen Moment wieder auf festem Untergrund stehen, bevor er reif für einen weiteren Luftweg ist. Weitere Vorteile sind die exklusiven Besteigungsrechte von Honigwaben, womit ihr elegant eine Wand hochkraxeln könnt und die Benutzung von sensiblen Blütenblättern als Plattformen, durch die der „normale“ Mario ansonsten hindurch fallen würde. Wie in der Realität sollte Mario in Bienengestalt einen hohen Bogen um Wasserstellen machen, da ansonsten sofort die Fähigkeit flöten geht. Selbiges passiert beim ungewollten Körperkontakt mit einem Gegner.
Die gleichen Warnungen müssen für den ebenfalls neuen Feder-Mario ausgesprochen werden. Ein entsprechender Pilz verwandelt den leidgeprüften Bartträger tatsächlich in eine Sprungfeder, dessen Vorteile, man ahnt es, in der gesteigerten Sprungkraft liegen. Allerdings ist es gar nicht leicht, Mario in Zaum zu halten, da er sich in dieser Form ständig hüpfend durch die Gegend bewegt. Da ist er als Geist-Mario schon bedeutend ruhiger, kann in dieser Form gemächlich durch die Lüfte schweben und sich kurz unsichtbar machen, um durch Gitter zu schlüpfen. Außerdem finden Buh-Hus ihn in dieser Form auf eine seltsame (und beunruhigende) Weise anziehend. Wie auch seine Verehrer solltet auch ihr das direkte Sonnenlicht meiden, ansonsten verwandelt sich Mario wieder zurück. Bei der nächsten Verwandlungsform passt das schöne Sprichwort „Was lange währt, wird endlich gut“, denn nach zwei verpassten Chancen darf nun auch Feuer-Mario sein Debüt in der schönen 3D-Welt geben. Feuerbälle werden mit einer lockeren Schlagbewegung abgefeuert, allerdings ist die Freude nicht von langer Dauer, da der Einsatz zeitlich begrenzt ist. Selbiges gilt für den nigelnagelneuen Eis-Mario, der das Laufen über Wasserflächen erlaubt, da das kühle Nass überall dort sofort gefriert, wo Mario seinen Fuß draufsetzt. Auch die letzte Verwandlungsform ist ein alter Bekannter, denn ein so genannter Regenboden-Stern macht euch für mehrere Sekunden unverwundbar und lässt euch die Option, mit einem hämischen Grinsen durch die Feindesmassen zu brettern. Wie es schon bei den Kappen in Super Mario 64 der Fall war, können die Verwandlungsformen, aus Gründen der Spielbalance, nicht in andere Levels mitgenommen werden. Wer also dachte, dass Bienen-Mario eine ähnliche „Cheater-Fähigkeit“ wie der aus SMW bekannte Cape-Mario werden würde, hat auf das falsche Pferd gesetzt. Jedoch sorgt der perfekte Schwierigkeitsgrad ohnehin dafür, dass es nie zu Frustmomenten kommt und jede Aufgabe lösbar und absolut fair ist, selbst wenn zunächst einige Leben den Bach herunter gehen. Damit liegt Super Mario Galaxy in diesem Aspekt etwa zwischen SM 64 und SMS, wobei die alte Devise gilt: Leicht zu schaffen, schwer zu meistern. Controller-Akrobaten werden spätestens mit den letzten 30 Sternen auf einige Brocken treffen. Aber gerade dann gibt es nichts schöneres, als die Betrachtung der abschließenden Sequenz bei der Einsammlung eines Power-Sternes. Absolute Neueinsteiger können sich dank des jederzeit aktivierbaren Co-Op-Modus an den Titel herantrauen. Hier hilft ein zweiter Spieler mit einer eigenen Wiimote dem Anfänger auf die Sprünge, hält Gegner oder Objekte, wie auf Mario zurollende Steine, mit dem Cursor an oder sammelt die Sternensplitter ein bzw. wirft diese ab, damit sich der unerfahrene Spieler ganz auf die Hauptsache konzentrieren kann. Für zwei erfahrene Spieler mögen die Interaktionsmöglichkeiten zu eingeschränkt sein, aber um einem Neuling Hilfestellung zu geben, ist der Co-Op-Modus eine löbliche Neuerung.

screen_super-mario-galaxy_04Eyes Wide Open
Was hagelte es nicht an Kritik und Spott in den vergangenen Monaten, sobald Screenshots von einem Wii-Titel die Runde machten. Die meisten Produktionen scheinen sich mit gehobenen PlayStation 2-Niveau zu begnügen, dabei steckt in Nintendos stillvoller weißer Konsole doch mehr Power, als in der Hülle eines GameCubes. Doch davon war bisher viel zu wenig zu sehen. Seit der Enthüllung auf der E3 2006 gilt Super Mario Galaxy als eine Art Ehrenretter der Nintendo Konsole. Und tatsächlich haut das fertige Produkt alles weg, was sich sonst noch so an Spielen für die Wii auf dem Markt tummelt. Und nicht nur das, denn EAD Tokyo schafft es durch eine Mischung aus überzeugender Technik und (nicht zuletzt) überragendem Artdesign, dass SMG zu den schönsten Spiele dieser Generation gehört – und das plattformübergreifend. Grafikeffekte wie Bump Mapping, Metal Shading, Fur-Shading und vor allem diverse Beleuchtungseffekte lassen die Szenen ungeheuer plastisch wirken. Zusammen mit den leuchtenden Farben entsteht ein Look, der euch das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, denn tatsächlich sehen viele Orte im Spiel zum Reinbeißen gut aus, vergleichbar mit einer zuckersüßen Konditorkreation. Sicher, die größeren Levels können das hohe Niveau nicht immer halten, bei näherer Betrachtung fallen hier und da ein paar Texturen etwas ab und die Treppchenbildung ist ebenfalls nicht zu übersehen. Das Gesamtbild lässt sich davon jedoch nicht beeindrucken. Eine besondere Erwähnung haben die Animationen verdient. Sind diese ohnehin eine traditionelle Stärke von Nintendo-Eigenproduktionen, darf sich Galaxy von nun an die Krone aufsetzen, denn so wunderbar geschmeidig bewegten sich Freund und Feind niemals zuvor über den Bildschirm, die Detailversessenheit lässt ein ungeheueres Maß an Können und Liebe zu den Kleinigkeiten erkennen. Die sporadischen Zwischensequenzen haben sowohl in technischer, wie auch filmischer Betrachtungsweise einen weiten Sprung nach vorne gemacht und lassen SMS furchtbar alt aussehen. Abgerundet wird der visuelle Hochgenuss von fast immer konstanten 60 Frames.

Von Ohrwürmern und Gänsehaut
Super Mario Galaxy ist mitunter Nintendos bis dato audio-visuell aufwendigstes Werk. Über die visuellen Qualitäten haben wir schon gesprochen, für die Einhaltung des musikalischen Parts sorgten die beiden Komponisten Masato Yokota und Koji Kondo. Um die Eroberung des Weltraumes gebührend einzufangen, scheute man keine Kosten und Mühen und organisierte ein vollständiges Orchester. Dieser Schritt ist jedoch nicht ohne Risiken behaftet, denn das Problem vieler orchestrierter Videospiel-Soundtracks ist ironischerweise ihre Synthetik, die Anbiederung an Hollywood und den damit verbundenen Verlust der Individualität.

Davon sind Yokota und Kondo glücklicherweise so weit wie nur möglich entfernt. Sollte ein Vergleich gewünscht sein, so könnte man sich die orchestrierten Stücke auch wunderbar in einem Abenteuer-Film von Anime-Altmeister Miyazaki vorstellen. Wer hätte jemals gedacht, dass der Soundtracks eines Mario-Spiels eine solche Epik und Schönheit ausstrahlen kann. Wenn Mario durch die Sterne rauscht, als sei er von einer Kanone abgeschossen worden (was tatsächlich ab und an der Fall ist…), oder mit Erzfeind Bowser kämpft, dann drückt euch der voluminöse Soundtrack geradezu in den Sessel. Zwar sind mehr als die Hälfte der Stücke immer noch mit künstlichen Instrumenten eingespielt worden, doch fügen sich diese aufgrund ihrer Qualität ohne Missgriffe in das Gesamtkonzept ein. Mehr noch, dienen die Midi-Elemente in einigen Tracks als unterstützende Komponente und harmonieren mit den Orchesteraufnahmen. Das ist besonders in den Geisterhaus-Abschnitten gut zu hören, da dort die Verfremdung am Computer und die Einbindung von digitalen Elementen einher mit Liveaufnahmen geht und so die Vorteile beider Welten vertreten sind. Außerdem mussten die beiden Komponisten so nicht die Errungenschaft der interaktiven Elemente in der Musik opfern, die bei Situationswechseln innerhalb einer Szene eintreten. Stellt euch auf viele Gänsehautmomente und Ohrwürmer ein, die auch nach Tagen nicht aus dem Gehörgang entfleuchen werden. Dieser Soundtrack wird zu einem Standardwerk werden und seinen Platz im Regal neben den OSTs zu Werken wie Final Fantasy VI und A Link to the Past finden.

screen_super-mario-galaxy_10Wie so oft sind die Soundeffekte ein nicht zu unterschätzender Teil des Klangteppichs. Besonders deutlich wird dies durch Musiknoten, von denen eine jede beim Einsammeln einen Ton abgibt und so eine klassische Mario-Melodie ergeben, wenn Mario sie in schneller Reihenfolge berührt. Der Spieler sorgt damit in Eigenverantwortung für die Geschwindigkeit der Hintergrundmelodie. Auch lassen sich diverse Anleihen aus der Donkey Kong Jungle Beat Vergangenheit des Entwicklers finden. Wer das Affentheater gespielt hat, erinnert sich sicherlich noch an die ungeheuer kräftigen Schlag-Sound FX, sobald Donkey einen Gegner besiegt hat, die zusammen mit dem kurzen Einfrieren der Action (in etwa vergleichbar mit den The Legend of Zelda Spielen) für einen befriedigenden Effekt beim Spieler sorgten. SMG profitiert von diesen Erfahrungen, wodurch vor allem die Endgegnerkämpfe alleine schon hierdurch Spaß machen. Super Mario Sunshine-Spieler werden zudem zur Freude vernehmen, dass die mit der Sprachausgabe begangenen Fehler nicht noch einmal gemacht wurden. Bowsers und Peachs Sprecher wurden neu besetzt und ihr Sprachrepertoire beschränkt sich nur noch auf kurze Laute, sieht man vom Intro ab.

Fazit
Erinnert ihr euch an die Zeit, als eure größte Sorge die rechtzeitige Erledigung der Hausaufgaben war, als ihr das Finanzamt nur aus Dagobert Duck Comics näher kanntet und ihr euch keinerlei Gedanken um Weisheitszähne machen musstet? Als der Erwerb eines jeden neuen Videospiels der Grund für eine spontane Jubelorgie war und, gleich welcher Qualität, von vorne bis hinten durchgespielt wurde? Super Mario Galaxy lässt euch die Geschmäcker dieser Jahre wieder auf der Zunge schmecken, die Gerüche dieser unvergesslichen Sommer in der Nase riechen. Wäre Szenenapplaus auch für Videospiele an der Tagesordnung, dann hättet ihr schon nach einer kurzen Spielsitzung mit diesem Monster wunde Hände. Die werdet ihr aber auch so schon mit Leichtigkeit bekommen: Nintendos definitives Werk wird euer erster Gedanke am Morgen und euer letzter Gedanke am Abend sein, euch unsäglich abhängig machen („Nur noch ein Stern…“) und selbst nach dem Erreichen aller Sterne, ein fast 40 Stunden dauerndes Fest, nicht loslassen. Dies ist Nintendos Magnum Opus, eine einzigartige Liebeserklärung an das Videospiel in seiner reinsten Form, eine nie enden wollende Wundertüte voll fantastischster Ideen und Spielspaß, die euch daran erinnert, warum ihr eigentlich einst mit diesem Hobby begonnen habt. Es mag unglaublich klingen, aber Mastermind Miyamoto und Koizumi deklassieren gleich reihenweise die so genannten Elite-Entwickler unserer Zeit. Das atemberaubende Feuerwerk an brillanten Einfällen lässt euch kaum eine Verschnaufpause. Dabei kann man gar nicht oft genug betonen, wie wichtig dieser Titel für das Jump'n'Run-Genre ist: Jahrelang flüchteten sich andere Entwicklerteams erst in die immer weitere Aufblähung ihrer Plattformer und anschließend in Genre-Mixe. Das reine Jump'n'Run schien ohne Einbindung von Action-Adventure-Elementen oder der Ausübung von Waffengewalt keine Überlebenschancen mehr zu besitzen. Doch schon die ersten Schritte auf dem ersten Planeten von Super Mario Galaxy stellt diesen Weg in Frage und spätestens nach dem Erhalt der ersten Power-Sterne fragt man sich in Gedanken: Was haben eigentlich die anderen während all dieser Jahre getan, außer dem Problem, sich mit Super Mario 64 messen zu müssen, mehr oder weniger geschickt zu umgehen? Von Nintendo wissen wir es jetzt: Sie köchelten im Stillen das beste Jump'n'Run aller Zeiten zusammen und lösten nebenher fast alle Probleme, die das Genre nach seinem Umzug in 3D-Gefilde mit sich brachte. Sollte sich ein Entwickler in der Zukunft an einem Plattformer versuchen wollen, so wird er um die Einsicht und Studierung der Referenz nicht herum kommen. Auch auch der Rest der Videospiel-Welt sollte von diesem Spiel lernen. Aufgrund der alles überragenden Spielqualität von Super Mario Galaxy reicht eine Gesamtwertung von 9.5 nicht mehr aus. Die einzig gebührende Wertung für diesen Meilenstein muss die zuvor noch nie vergebene 10 sein – ein Novum in der Geschichte von Gaming Universe. (Hinweis 1: Dieser Test wurde von unserem ehemaligen Redakteur Oliver Sautner verfasst) (Hinweis 2: Super Mario Galaxy ist für Wii U als Virtual Console-Titel erhältlich und damit identisch mit der hier getesteten Wii Version)
Toll
  • die neue Jump'n'Run-Referenz
  • intuitive und gewohnt präzise Steuerung
  • umwerfendes Leveldesign - Suchtgefahr
  • geniale und neue Ideen hinter jeden Ecke
  • subtile Einbindung der Wiimote
  • neuartiges Spielgefühl dank Sphärendesign
  • manuelle Kamera-Arbeit auf Minimum reduziert
  • Wii lässt (endlich) die Grafikmuskeln spielen
  • wuchtiger, wunderschöner Soundtrack
Naja
  • ab und zu ungünstiger Blickwinkel
  • fehlendes Anti-Aliasing
10
Meilenstein

Wie gefällt dir der Artikel?

0 0