Bravely Default Test

Mehr als nur einige Jahre sind nun seit der glorreichen Final Fantasy-Hochzeit während der PlayStation 1-Ära verstrichen und seit jeher sehnen sich Fans ein klassisch ausgerichtetes Mainline-Spiel der Rollenspiel-Serie herbei, das an den fast vergessenen Zauber eines Final Fantasy IX appelliert. Zu fortschrittlich und Massenmarkt-denkend agieren die internen Square Enix-Teams mittlerweile, als dass man ein solch nostalgisch angehauchtes RPG noch entwickeln möchte und dennoch spürte das Unternehmen aus Tokyo das Verlangen der Fans danach. Mithilfe eines externen Teams, dem unabhängigen Silicon Studio, erfüllte man seiner Fangemeinde den Wunsch und ließ mit Bravely Default einen spirituellen Nachfolger zum Nintendo DS-Titel Final Fantasy: The 4 Heroes of Light entwickeln, das dank enger Zusammenarbeit mit Nintendo auch wartende Fans im Okzident beglückt. Wieso jeder Final Fantasy-Fan und Rollenspieler aller Art es sich schuldig sind Bravely Default ihr Eigen nennen zu dürfen, erfahrt ihr in unserem ausführlichen Test.

Von Kristallismus und Elementen
Die Welt von Luxendarc wurde durch den sogenannten Großen Abgrund nahezu in zwei Teile zerfetzt und das Resultat dieser Katastrophe ist die Machtübernahme der Finsternis. Die vier Elementarkristalle brachten bisher Licht in die Welt und wurden ebenso von der dunklen Macht befallen. Das Gleichgewicht der Welt gerät aus den Fugen: Vulkane brechen willkürlich aus, Ozeane trüben vor sich hin und der einst prachtvolle Wind weht nicht mehr. Agnès Oblige, die Protagonistin des Spiels, ist die Vestalin des Windes und wurde von Ministranten des Windtempels vor dem gewaltigen Schrecken des Windkristalls beschützt. Zusammen mit ihrer Kristallfee Airy begibt sie sich auf ihre Mission mit dem Auftrag die Kristalle wieder zu erwecken und damit das Licht zurück nach Luxendarc zu bringen…

Agnès Oblige ist eine der vier Protagonisten und zentraler Dreh- und Angelpunkt der Story.

Agnès Oblige ist eine der vier Protagonisten und zentraler Dreh- und Angelpunkt der Story.

Mit dieser kurzen Beschreibung der Ausgangslage wird man der grandiosen Geschichte von Bravely Default nicht ansatzweise gerecht, doch sie veranschaulicht schon einmal grob, worum es in dem vom Final Fantasy geprägten Universum geht. Zusammen mit drei anderen höchst interessant geschriebenen Charakteren begebt ihr euch mit Agnès auf eine lange Reise, die abwechslungsreicher kaum sein könnte. Dabei erlebt ihr interessante Charakterentwicklungen und Story-Twists, die mustergültig für das Rollenspiel-Genre sind und so schafft es das Spiel in Verbund mit dem tollen Setting und der grandiosen Atmosphäre die Spannung selbst über einen solch enormen Umfang aufrecht zu erhalten. Intensiviert wird die Charakter-bezogene Reise durch aus der Tales-Serie bekannte Skits, die euch optional die Protagonisten näher bringen. Unterstützt werden diese von recht häufigen Zwischensequenzen, sodass man förmlich in die Spielwelt hineingezogen wird.

In Bravely Default folgt ihr einer Reihe von Main-Quests unterteilt in Kapitel und durchreist nach und nach die riesige Spielwelt zu Land, Wasser und Luft. Unterschiedliche Settings sorgen schon für Abwechslung genug, doch die optionalen Side-Quests heben das Niveau noch auf eine höhere Ebene. Sie sind quantitativ zwar recht überschaubar, doch dafür erstrecken sie sich jeweils über einen längeren Zeitraum und sind schlichtweg einzigartig, was in heutigen RPGs leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Belohnt werdet ihr dabei auch großzügig: Mit Abschluss jeder Side-Quest erlangt ihr weitere Job-Kristalle, die das aus Final Fantasy V übernommene Job-System kontinuierlich erweitern. Bis zu 24 Jobs können so über die Handlung hinweg erworben werden und diese reichen von klassischen Berufen wie Ritter, Schwarz- und Weißmagier bis zu extravaganten Berufen wie dem Dieb, Beschwörer, Händler oder Rotmagier. Trotz der Vielzahl bleibt das sehr facettenreiche Kampfsystem recht ausbalanciert und es macht Spaß die neuen Berufe kennen zu lernen. Durch das Ausprobieren von neuen Berufen erlangt ihr auch spezifische Fähigkeiten, die ihr mit eurem primären Beruf kombinieren könnt. Wenn ihr beispielsweise Freiberufler wart und die Fähigkeit Wünschelrute übernehmt, könnt ihr auch mit eurem neuen Beruf die Anzahl der in dem Bereich versteckten Truhen anzeigen lassen. Mit der Zeit erhöht sich die Anzahl der kombinierbaren Fähigkeiten und damit entfaltet sich parallel das grandiose Kampfsystem.

Die breit gefächerte Berufsvielfalt ist ein großer Mehrwert für das innovative Kampfsystem.

Die breit gefächerte Berufsvielfalt ist ein großer Mehrwert für das innovative Kampfsystem.

Brave und Default
Der Titel des Spiels umschreibt letztendlich die zwei Hauptkommandos des Kampfsystems. Dieses innovative Konzept bricht die monotone Auslegung des Runden-basierten Kampfsystems auf und bringt dem Spieler einen gehörigen Mehrwert durch taktische Verhaltensregeln. Wählt ihr mit einem Charakter Brave aus, so erhöht sich die Anzahl der aktiven Aktionen pro Runde um eine Ziffer und dies funktioniert bis zu dreimal, sodass ihr bis zu vier Aktionen in einer Runde ausführen könnt. Dies hat dann allerdings den Nachteil, dass ihr vier Runden warten müsst, ehe ihr mit dem Charakter wieder aktiv werden könnt. Wählt ihr Default, spart ihr euch hingegen zusätzliche Aktionen zusammen ohne in der Runde aktiv zu werden. Dieses geniale Element eignet sich hervorragend, um 08/15-Gegner mit einer Reihe von Aktionen innerhalb von einer Angriffswelle dem Erdboden gleich zu machen. Für die knackigen Bosskämpfe häufiger Natur müsst ihr allerdings in die taktische Trickkiste greifen und eure Angriffswellen zusammen mit Boni, Mali und Fähigkeiten gut planen. Ein Nachteil des Bravely Default-Systems ist die Eingabe von bis zu 16 Befehlen am Stück. Doch keine Sorge: Mit dem Halten der L-Taste könnt ihr Brave bis zu vier Mal am Stück auswählen und mit der R-Taste äquivalent Default. Und auch für die bis zu vier Angriffe pro Charakter könnt ihr mit dem Halten der Auswahltaste die Aktion mehrmals ausführen lassen. Dabei wird – auch über Runden hinweg – der letzte Befehl im Auswahlmenü gespeichert, sodass man nach kurzer Eingewöhnung schnell mit dem neuen Kampfsystem zurecht kommt.

Generell ist das Spiel sehr umfangreich, was den Aktionsspielraum angeht und man wird zu Beginn etwas mit Informationen überhäuft. Doch dank den Tutorial-Aufgaben, die über die Story hinweg nach und nach freigeschaltet werden, könnt ihr euch ganz in Ruhe mit den ständig neuen Features auseinandersetzen und bekommt dafür auch noch eine Belohnung spendiert. Ein cleverer Schachzug, der euch das sich recht schnell entfaltende Spiel kontinuierlich näher bringt. Schon nach wenigen Spielstunden habt ihr viele Möglichkeiten eure Strategie individuell anzupassen und mit zunehmender Spieldauer entwickelt sich das Spiel zu einem wahren Paradies an Aktionsmöglichkeiten, ohne dass einem auch nur ansatzweise die Lust daran vergehen könnte. Wir müssten nun noch seitenlang weiter erläutern wie viele Features und Gimmicks im Spiel enthalten sind, doch die Entdeckungsfreudigkeit überlassen wir euch an dieser Stelle lieber selbst.

Im Spannungsfeld zwischen Klassik und Moderne
Das Implementieren klassischer Rollenspiel-Konzepte ist in der heutigen Zeit mit großem Risiko verbunden. Zu altmodisch-nervtötend empfindet der von simplen Prozessen verwöhnte Rollenspieler der Neuzeit die alte Mottenkiste vergangener RPG-Perlen. Doch Bravely Default verdeutlicht – neben vielleicht mit Abstrichen Ni no Kuni – schier einzigartig, dass eben jenes klassisch ausgelegte Konzept sehr wohl zur modernen Spiellandschaft passen kann. Ein Schreckgespenst wie der Zufallskampf wird mit einer anpassbaren Häufigkeitsrate auf zu treffende Gegner im Menü erfolgreich vertrieben, während der langsam-monotone Vorgang eines nüchternen, Runden-basierten Kampfsystems simpel mit einer variablen Vorspul-Option für Aktionen aus dem Weg geräumt wird. So könnt ihr ohne nervige Zufallskämpfe bereits besuchte Orte gemütlich ohne dem Aufkommen von Gegnern durchstreifen oder mit verdoppelter Häufigkeit schnelles Grinding an geeigneten Orten betreiben. Es sind tatsächlich nur solch kleine Zahnräder, die lediglich verstellt werden mussten, um die Brücke von der Klassik hin zur Moderne erfolgreich zu schlagen – ein Geniestreich. Die Ur-Version litt übrigens noch unter einem Grinding-Festspiel und einer daraus resultierten Überlänge der Umfangs, der nun beliebig an geeigneten Stellen komprimiert werden kann.

Hardware-seitig wurden noch herausragende Netzwerk-Features eingebaut, die den Alltag im Spiel auflockern. Dazu zählt der Aufbau einer zerstörten Stadt eines Protagonisten über das komplette Spiel hinweg sowie das Rufen und Senden von Charakteren sowie Angriffen über Freunde oder Fremde. Alternativ bietet das Spiel sogar Bots an, um dafür zu sorgen, dass auch ohne vorhandene Spieler im Netzwerk Unterstützung für schwierige Situationen parat ist. Optional bietet Square Enix auch kleine Mikrotransaktionen in Form von SP-Points an, die für starke Spezialangriffe verwendet werden können. Man kann sie kaufen oder eben 8 Stunden den 3DS zuklappen, um einen Punkt zu ergattern. Da es dem Spieler allerdings weder Features raubt noch einen Teil des Spiels versperrt und die SPs ohnehin selten genug zum Einsatz kommen, sehen wir diesen Aspekt nicht als negativen Punkt an.

Klassische Elemente wie hier die Weltkarte lässt die Herzen der RPG-Fans höher schlagen.

Klassische Elemente wie hier die Weltkarte lassen die Herzen von RPG-Fans höher schlagen.

Ein audiovisuelles Kunstwerk
Den ähnlichen Grafikstil im Vergleich zu 4 Heroes of Light kann man zwar schlecht leugnen, doch es wird nach wenigen Minuten Spielzeit schon klar wie sehr sich Bravely Default davon abhebt. Der Spieler taucht in eine magisch gestaltete Welt ein, die mit so viel Liebe zum Detail selbst auf dem recht kleinen Bildschirm des Nintendo 3DS zur Geltung kommt. Begleitet werden unsere vier Helden auf ihrer Reise von einem melodischen Ohrenschmaus, der immer passend zum jeweiligen Setting die passende Atmosphäre liefert und gleichzeitig auf seine eigene Art und Weise und in moderner Ausführung an Klassiker seiner Zeit erinnert. Löblich ist auch die optional verfügbare, japanische Sprachausgabe, die ebenso wie das englische Pendant hochwertig und umfangreich ist. Wer genau hinhört, erkennt auch erfahrene RPG-Synchronsprecher wie Bryce Papenbrook, der bereits Asbel Lhant in Tales of Graces f vertonte. Zwar wurden nicht alle Unterhaltungen mit einer Sprache versehen, doch das wäre bei der riesigen Anzahl an, teils optionalen, Textboxen auch zu viel des Guten. Umso erfreulicher ist dabei die Tatsache, dass das Spiel komplett mit deutschen Texten versehen wurde. Überraschenderweise macht auch der 3D-Effekt einiges für ein Rollenspiel her und ist teilweise sogar ein Mehrwert. Gerade in Verbund mit den AR-Karten kann man mit den 3D-Features nebenher viel Spaß haben.

Fazit
Bravely Default ist schlicht und ergreifend ein ganz besonderes Meisterwerk, das mit viel Charme und Innovation erstmals eine stabil gebaute Brücke zwischen Tradition und Moderne im Genre schlägt und eindrucksvoll beweist, dass klassisch geprägte Rollenspiele auch in der Videospielneuzeit einen Platz an der Sonne genießen können. Insbesondere RPG-Fans vergangener Tage, die mit den Serien Final Fantasy, Fire Emblem und Dragon Quest aufgewachsen sind, werden wahre Freude an dem nostalgisch ausgelegten Kunstwerk haben und auch für Rollenspieler aller Art ist dieses Benutzer-freundliche Konzept wie gemacht. Fragen nach den typischen Merkmalen des Aufbaus sind bei diesem Spiel dank großzügiger Einstellungsmöglichkeiten zweitrangig und dem individuellen Spielspaß für Jedermann steht nichts im Wege. Auf diese Basis aufbauend bietet das Spiel eine fesselnde und interessante Story, die eine gelungene Charakterbehandlung in einem traditionellen Setting hervorbringt. Abwechslungsreichtum und einzigartige Sidequests begleiten euch auf der magischen, bis zu 70 Stunden langen Reise, die von einem stimmungsvollen Soundtrack und mit spürbar viel Liebe zum Detail begleitet wird. In Kombination mit dem sich ständig weiter entfaltenden Kampfsystem und einem ausbalancierten Job-System wird dem Spieler schon recht früh im Spiel enorm viel strategischer Aktionsspielraum geboten, sodass dem lang anhaltenden Dauerspaß keine Steine in den Weg gelegt werden. Dieses ohnehin schon herausragende Spiel wurde mit der nun auch in Japan erscheinenden, überarbeiteten Fassung nochmals verbessert und lässt bisherige Schwachstellen des Spiels im Keim ersticken. Möchte man sich an Kleinigkeiten aufhängen, könnte man höchstens teils repetitive Musikstücke, recht lineare Dungeons und optional-nichtige Mikrotransaktionen nennen. Doch diese Aspekte trüben die Spielerfahrung keineswegs. Kurz gesagt: Bravely Default setzt in allen relevanten Belangen neue Maßstäbe, an denen sich Entwickler klassischer Rollenspiele von nun an messen müssen. Chapeau in Richtung Silicon Studio, die es schon mit dem ersten Versuch schafften ein Final Fantasy-Spiel zu entwickeln, das dem Anspruch der Fans mehr gerecht wird als die meisten Titel der Serie in den letzten Jahren. Wenn dieses externe Team mit diesem Spin-off eines bewiesen hat, dann, dass sie mehr als geeignet sind, einen wichtigeren Titel der Serie zu übernehmen.
Toll
  • klassisches und modernes RPG zugleich
  • fesselnde und interessante Story
  • gelungene Charakterbehandlung
  • einzigartige Sidequests
  • hervorragend ausbalanciertes Jobsystem
  • Kampfsystem mit Dauerspaßgarantie
  • visuelles Kunstwerk mit toller Atmosphäre
  • spürbar viel Liebe zum Detail
  • stimmungsvoller Soundtrack
  • viele Anpassungsmöglichkeiten
  • herausragende StreetPass-Features
  • Bildschirmetexte komplett in Deutsch
  • englische und japanische Sprachausgabe
  • bessere, überarbeitete Fassung lokalisiert
Naja
  • Nichts nennenswertes
10
Meilenstein
Verfasst von
Als inzwischen [irgendwie] alter Hase auf Gaming-Universe ist Dominic berühmt-berüchtigt für seine japanische Rollenspiel-Zuneigung. Doch auch Rennspiele und Action-Adventures sowie Spiele mit intensiver Erfahrung fesseln ihn immer wieder, weshalb er schon seit einiger Zeit zu einem waschechten Multikonsolero mutierte, der alles (aber nur, was ihm gefällt!) wie ein wählerischer Schwamm aufsaugt und den Rest brav ignoriert.

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