Resident Evil 4 Test

Zwei Jahre ist es her, dass sich GameCube Spieler an einem neuen Resident Evil ergötzen konnten. Doch bereits zwei Jahre davor wurde an Resident Evil 4 gearbeitet. Das Projekt fand jedoch erst nach drei Versuchen seine jetzige Form. Gezählt sind die Tage in denen ihr durch vorgerenderte Umgebungen rennt, in engen Räumen rumlaufen müsst oder euch durch hungrige Zombiehorden kämpft. Denn Capcom wirft fast das komplette Gameplay der Vorgänger über den Haufen und fängt wieder bei den Wurzeln des Horrors an.

Willkommen in Spanien

Seit den Ereignissen in Resident Evil 2 und 3 sind sechs Jahre vergangen und der mächtige Umbrella-Konzern, der hinter all den bösen Machenschaften steckte, gibt es nicht mehr. Durch deren Konkurs ist somit jede Gefahr einer erneuten Virusattacke beseitigt und die Menschen kehren zu ihren normalen Problemen zurück. So auch der Held des zweiten Teils der Serie, Leon Scott Kennedy. Als Agent einer geheimen Regierungsorganisation hat er den Auftrag bekommen, die entführte Tochter des US-Präsidenten zu finden und unversehrt nach Hause zu bringen. Nachdem schließlich alle Spuren in einem abgelegenen Dorf in Spanien enden, macht sich Leon sogleich auf, dort mit der Suche zu beginnen. Doch kaum angekommen, wird er auch schon von einer Meute wild gewordener Dorfbewohner angegriffen. Warum die Dorfbewohner so handeln und ob es etwas mit der entführten Präsidententochter zu tun hat, ist für Leon zu diesem Zeitpunkt noch ein Rätsel. Selbstredend werden im Laufe des Spiels immer neue Fassetten der anfangs, besonders für Resident Evil Verhältnisse, ziemlich undurchsichtigen Story offenbart. Für Fans der Serie gibts ein paar nette Überraschungen.


Wo stecken die Zombies?
Bereits am Anfang des Spieles fallen die vielen Neuerungen in Resident Evil 4 gegenüber seinen Vorgängern ins Auge. Statt einer starren Kamera schaut ihr eurem Spielcharakter ständig über die Schulter, denn die Kamera positioniert sich genau hinter diesem. Die größte Neuerung ist jedoch die Änderung des Spielprinzips. Statt gegen ein paar lahmarschige Zombies zu kämpfen, habt ihr es mit einer ganzen Dorfgemeinschaft zu tun. Da selbst Leon kein Rambo-Verschnitt ist, müsst ihr öfters vor den anlaufenden Horden davonlaufen. Statt enger Räume setzt Capcom auf den Überlebensinstinkt des Spielers und hat daher weitläufige Areale gebaut in denen ihr auch die Umgebung zu eurem Vorteil einsetzen könnt. Seien es explodierende Fässer, Leitern oder Schränke. Erstere können umgeworfen und zweitere vor ungeschützte Türen oder Fenster geschoben werden. Noch nie hat es so viel Spaß gemacht, ein Feigling zu sein. Um den ständig wechselnden Umständen Herr zu werden, wurde der A-Button multifunktionell ausgestattet. Je nach Situation erfüllt er so eine andere Aufgabe, wie z.B. das Springen durch Fensterscheiben oder das eben erwähnte Verschieben von Einrichtungsgegenständen.

Ebenfalls lobenswert ist die künstliche Intelligenz der Gegner: Oft könnt ihr beobachten, wie ein Dutzend Gegner versucht, euch zu umzingeln oder euch mit Brandgranaten aus einem Haus zu treiben. Um euch endgültig in den Wahnsinn zu treiben, benutzen die Dorfbewohner allerhand Mordwerkzeuge, um euch auch in wirklich jeder Situation das Leben schwer zu machen. Seien es nun Hackbeile, Dynamitstangen, Mistgabeln oder Kettensägen, alles wird dazu umfunktioniert, Leons Zukunftspläne zu zerstören.

Ur-Resi Versus Resi 4
Manch einer fragte sich im Vorfeld, ob die Frischzellenkur des vierten Teils eingefleischte Resident Evil Fans möglicherweise abgeschrecken könnte. Diese Frage kann natürlich auch jetzt nicht für jedermann beantwortet werden, kommt es schlussendlich doch nachwievor auf den jeweiligen Geschmack an. Klar ist jedoch, dass Capcom es geschafft hat, einige Schwächen der Vorgänger auszumerzen. So geht die Steuerung mittlerweilse ohne Probleme von der Hand, so dass sie schon kurz nach Spielbeginn in Fleisch und Blut übergeht. Das ist auch bitter nötig, um gegen die teilweise gewaltigen Gegnerhorden zu bestehen. Schon nach kürzester Zeit werdet ihr einen Heidenspaß damit haben, die genaue Zielsteuerung an den verschiedenen Trefferzonen der Gegner, die allesamt andere Auswirkungen auf diese haben, auszuprobieren. Die übrigen Unterschiede außerhalb des neuen Gameplays sind eher klein, aber merklich. So werdet ihr in Resident Evil 4 so gut wie nie Schockmomente erleben, da ihr eigentlich immer damit rechnet, dass im nächsten Areal dutzende Gegner warten. Diese Änderung ist schade, da es diverse Möglichkeiten für Schockmomente gegeben hätte und diese dem Spiel sicher nicht geschadet hätten. Ebenso werdet ihr selten auf Rätsel treffen. Während ihr in den ersten Teilen der Serie noch diverse Puzzleteile zusammensetzen, Kisten verschieben und Items untersuchen musstet, werdet ihr in Resident Evil 4 eher selten auf ein kurzes und fast immer sehr einfaches Rätsel treffen.
Freuen dürfte es jedoch viele Spieler, dass die Item-Truhen abgeschafft wurden. Leon kann jetzt alle möglichen Items bei sich in einem Koffer mitschleppen. Dieser kann zwar auch mal voll geladen sein, was aber mit einem bei den Händlern gekauften Updates kein Problem sein sollte. Händler? Richtig gehört, in Resident Evil 4 trefft ihr öfters auf mysteriöse Händler, die euch Waffen oder nützliche Items verkaufen. Ein zusätzlicher Service ist das Tuning eurer Waffen. So hab ihr bei fast jeder der über 15 verschiedenen Waffen die Möglichkeit, Feuerkraft, Nachladegeschwindigkeit, Schussgeschwindigkeit oder die Munitionskapazität zu erhöhen. Das Geld für diese Dienstleistungen findet ihr bei getöteten Gegnern oder in herumliegenden Truhen. Ausserdem kauft euch der Händler eure Gegenstände bzw. gefundenen Schätze ab. Diese liegen oft offen in der Gegend rum, erfordern teilweise aber auch ein sehr wachsames Auge. Um euch die Suche zu erleichtern, könnt ihr beim Händler auch eine nützliche Schatzkarte des jeweiligen Areals erstehen.



Babysitter Leon

Da Leon ab einem bestimmten Zeitpunkt des Spiels auf Ashley, die gerettete Präsidententochter, aufpasst, muss er natürlich auch auf ihre Gesundheit achten. Hier kann man beruhigt sein, denn anders als bei so manchen anderen Spielen, stört eure Begleiteren den Spielfluss kaum. Geht ihr beispielsweise in Schussposition, geht Ashley automatisch aus dem Weg. Sollte sie mal vor euch stehen, während ihr schießen wollt, duckt sie sich geschickt, um nicht von beiden Seiten getroffen zu werden. Als zusätzliches Feature könnt ihr dem Mädchen Befehle erteilen, so dass sie sich beispielsweise in einem großen Container verstecken oder einfach in einem Raum warten soll bis ihr sie ruft. Lasst sie allerdings nicht zu lange allein. Wird sie nämlich von den Gegnern aus dem Areal getragen oder getötet, ist auch für euch das Spiel vorbei. Neben der ganzen Action und den Rettungseinlagen werdet ihr natürlich auch mit vielen Zwischensequenzen belohnt. Allerdings solltet ihr währenddessen lieber nicht das Joypad aus der Hand legen, sonst könntet ihr sehr bald Bekanntschaft mit dem Game Over Screen machen. Wie in Segas Shenmue gibt es nämlich auch in Resident Evil 4 so genannte Quick Time Events. Soll heißen, ihr müsst in diversen Situationen schnell eine auf dem Screen angezeigte Tastenkombination drücken um nicht das Zeitliche zu segnen. Solche Situationen gibt es nicht nur in Zwischensequenzen, sondern auch während des laufenden Spiels des öfteren.

Glücklicherweise werdet ihr nach einem der vielen Tode, die ihr ohne Zweifel sterben werdet, zu einem der vielen Rücksetzpunkte zurückgesetzt. Das Spiel speichert euren gegenwärtigen Stand nämlich automatisch, wenn ihr ein neues Areal betretet oder nach Schlüsselsequenzen. Auch die verhassten Farbbänder gehören der Geschichte an. Zwar gibt es nachwievor Schreibmaschinen, doch könnt ihr nun jederzeit und unbegrenzt an diesen abspeichern. Diese Neuerungen machen viel aus und steigern den Spielspaß nicht unwesentlich, wobei auch die altbekannten Resi Zutaten trotz allem nicht zu kurz kommen. Ebenfalls erfreulich dürfte die Spielzeit sein, für die ihr beim ersten Mal auf jeden Fall mit 20 Stunden rechnen solltet. Um euch auch danach noch ans Pad zu fesseln, gibt es diverse Extras, die natürlich erst freigespielt werden müssen.

Modrige Dorfbewohner
Die Grafik in Resident Evil 4 ist ohne Zweifel ein wahrer Augenschmaus. Während ihr anfangs noch gegen dutzende Gegner in einem einfachen Dorf kämpft, werdet ihr später unter anderem wunderschöne Wettereffekte, Lichtspielereien und Explosionen bewundern dürfen. Ein kleiner Wehrmutstropfen ist die geringe Vielfalt der Gegner, die oft nur aus fünf bis sieben verschiedenen Modellen pro Kapitel bestehen und ihr des öfteren gegen ähnliche Gegner kämpfen müsst. Dies stört jedoch kaum, da ihr dadurch das komplette Spiel flüssig spielen könnt und nicht mit nervigen Rucklern und Slow-Downs gestört werdet, selbst wenn ihr mal gegen 10-Meter Kolosse in den Kampf zieht. Die Grafikpracht hat allerdings auch ihren Preis. So hat man sich nämlich entschieden, das Spiel lediglich in einem 16:9 Letterbox-Modus darzustellen, was ohne Zweifel die Arbeit des kleinen Würfels etwas erleichtert. Dies tut dem Spielspass allerdings keinen Abbruch, selbst wenn man keinen 16:9 Fernseher mit Zoom-Funktion sein eigen nennt. Insgesamt hat Capcom ohne Zweifel eines der bis dato beeindruckendsten und schönsten Spiele der aktuellen Konsolengeneration abgeliefert.

Von Kettensägen bis zu geplatzten Köpfen
Viel Geschick beweist Capcom auch bei der Soundkulisse. Explosionen, Pistolenschüsse oder ein Gegner, der gerade eine Kugel mit dem Kopf auffängt. Alles hört sich glaubwürdig an und lässt den Spieler denken, er sei wirklich mittem im Geschehen. Der akustische Höhepunkt dürfte wohl das Geräusch einer anspringenden Kettensäge sein, da ihr dadurch noch etliche schlaflose Nächte erleben dürft. Die Hintergrundmusik ist ebenfalls stimmig und trägt viel zur atemberaubenden Atmosphäre bei, Ohrwürmer im Stile der Vorgänger werdet ihr hingegen kaum vorfinden. Endlich hat sich Capcom auch dazu durchgerungen, dem Spiel eine Dolby Pro Logic 2 Unterstützung zu spendieren. Das Spiel gewinnt durch den toll gemachten Surround-Sound nochmal an Atmosphäre hinzu. Ganz zu schweigen davon, dass man so auch besser ausmachen kann, aus welcher Richtung der Kerl mit der Kettensäge auf einen zustürmt. Das kann euch des öfteren das virtuelle Leben retten.

Fazit
Was soll man zu diesem Spiel noch sagen? Es ist Capcom gelungen, ein wahres Meisterwerk zu entwickeln, auf das selbst Leute, die mit Resi bisher nichts anfangen konnten, ein Auge werfen sollten. Auch Kenntnis der Vorgänger ist nicht zwingend nötig. Gameplay, Grafik, Sound und der Langzeitspaß, alles passt zusammen. Zwar gibt es kleinere Mängel, wie die kaum vorhandenen Schockmomente oder die rar gesäten Rätsel, diese sind jedoch leicht zu verschmerzen. Trotz der fehlenden Schockmomente ist das Spiel allerdings nichts für Zartbeseitete. Oft werdet ihr zerstückelte Leichen sehen und was ein Gegner mit einer Kettensäge anrichten kann, muss einem wohl nicht erklärt werden. Resident Evil 4 lässt selbst den indizierten zweiten Teil wie eine Runde Mensch ärgere dich nicht im Kindergarten aussehen. Jedem volljährigen GameCube-Spieler ist es allerdings uneingeschränkt zu empfehlen. Das Spiel wird euch ohne Zweifel für etliche Stunden in seinen Bann ziehen und euch viel Spaß bereiten. (Hinweis 1: Dieser Test wurde von unserem ehemaligen Redakteur Gökhan Yikilmazlar verfasst.) (Hinweis 2: Resident Evil 4 wurde in der Nintendo GameCube-Fassung getestet.)

Wie gefällt dir der Artikel?

0 0